Was kann digitaler Kontakt leisten? – Ein Bloggespräch mit Anna Koschinski

Das Thema für dieses Gespräch ergab sich aus einem Beitrag von Anna in ihrem persönlichen Blog und meinem Kommentar dazu. Da Anna in Bielefeld wohnt und ich in Bonn, können wir uns nicht mal eben so offline treffen. Als sie in ihrem Beitrag mangelnde analoge Begegnungen beklagte, konnte ich also nur digitale Alternativen anbieten. Das brachte uns zu dem nun folgenden Austausch:

Annette Schwindt

Liebe Anna, als ich Dein Blogpost las, wäre ich gern einfach zu Dir rüber, um Dich in den Arm zu nehmen…

Ich kenne diese düsteren Gedanken und Zweifel, dass sich keiner kümmert, wenn man nicht selbst den Kontakt sucht. Und dass selbst diejenigen, die einen allein durch ihre Art immer aufgeheitert haben, das nicht mehr zu tun vermögen. Dass man sich also selbst anstrengt, diejenige zu sein, die ein Licht in die dunkle, kalte Zeit bringt, und wie sehr einen das auslaugt. 

Also hab ich versucht, mein Möglichstes dagegenzuhalten und das ist eben (nur?) digital. Schien Dich nicht wirklich aufzuheitern, oder irre ich mich? Diese Reaktion erlebe ich oft, wenn ich den Menschen sage, dass ich nicht mobil und deshalb digital unterwegs bin.

Verbindungen schaffen

Anna Koschinski

Liebe Annette, erstmal danke für den Versuch – das ist ja auch nicht der erste. Ich finde es ganz wunderbar, die Möglichkeiten anzubieten, die da sind. Und natürlich gehören da auch digitale dazu. Ein Telefonat mit dem richtigen Menschen kann helfen, definitiv, denn es lässt mich spüren: Jemand ist da, jemand “sieht” (also hört) mich, ich bin jemandem so wichtig, dass er oder sie Zeit mit mir verbringen möchte – auf welche Art auch immer.

Und richtig: Es tut so gut, zu wissen, dass das Angebot einfach so da ist, dass ich mich nicht selbst kümmern und nicht darum bitten muss. Ich glaube nur, dass digitaler Kontakt die von dir erwähnte Umarmung nicht ersetzen kann.

Gerade im Herbst und Winter, wo es dunkel und kalt ist, dazu die unsichere Gesamtsituation… da merke ich: Ich brauche ab und zu jemanden, an den ich mich anlehnen kann. Und das, obwohl ich echt kein körperlicher Mensch bin.

Wenn ich in dieser Zeit meinen Freund sehe, dann möchte ich gern einfach nur eine Umarmung. Und nahezu sofort merke ich, dass ich ruhiger werde, entspanne, dass ich die Welt um mich herum einfach wegblende. Und das ist auch einfach Chemie, denke ich. Diese Nähe kann ein Videocall nicht bieten.

Nichtsdestotrotz finde ich die digitale Kommunikation und ihre Möglichkeiten fantastisch! Sie schafft Verbindungen, die ebenso langfristig sein können wie analoge. Immerhin habe ich Freundschaften zu Menschen aufgebaut, die ich noch nie face-to-face  gesehen habe. Wo siehst du denn den größten Vorteil in digitaler Kommunikation?

Flexibel und ortsunabhängig

Annette Schwindt

Dass es sie gibt. Weil sie Menschen wie mir den Zugang zur Welt bietet, den ich sonst nicht haben könnte. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, nach Belieben einfach raus zu gehen und Leute zu treffen. Weil es Barrieren aller Art gibt, man nicht mobil ist, oder es einen körperlich und/oder mental überfordert. 

Ich könnte auch nicht arbeiten, wenn ich es nicht nach meinen Zeiten flexibel von zuhause aus tun könnte. Das mache ich ja schon seit über 20 Jahren so, nicht erst seit Corona. 

Mich gibt es für die meisten Menschen also nur digital, zumal sie auf der ganzen Welt verteilt sind. Auf digitalem Weg kann ich jederzeit ansprechbar sein, egal ob privat oder beruflich und egal von wo aus. Wer nicht digital affin ist, muss entweder zu mir kommen, telefonieren oder auf mich verzichten. 

Natürlich hätte ich gern jemanden, der mal eben analog vorbeikommen kann, um mich in den Arm zu nehmen. Aber wenn das nicht geht, weil man zu weit voneinander weg wohnt, dann tut man das eben mit Worten auf digitalem Weg. Und ich bin echt ein sehr nähebedürftiger Mensch. Einige sagen mir auch nach, ich hätte da ein ganz besonderes Talent zu kommunizieren entwickelt (einer nannte das sogar „digitales Charisma“). Keine Ahnung, ich rede einfach ganz normal mit den Leuten.

Wenn Menschen, die durchaus digital affin sind, das dann ablehnen, hab ich nicht das Gefühl, dass es am Medium liegt, sondern fühle mich selbst abgewiesen. Denn auch für die, die einfach so in die Welt raus können, sollte es doch immerhin besser sein als gar nichts, oder?

Community aufbauen

Anna Koschinski

Natürlich, absolut! Ich weiß, wie privilegiert ich bin, dass ich quasi alles tun kann – hier in meiner Stadt, aber auch anderswo. Ich kann reisen, Menschen besuchen und auf einen Kaffee (oder eine Umarmung) vorbeikommen. Es ist auch keine Ablehnung des Angebots an sich, aber wenn ich gerade körperliche Nähe brauche, am liebsten sogar ohne zu sprechen, dann hilft mir das Digitale nicht. Hier sehe ich schon eine Grenze.

Aber – und da sind wir beide uns ja sehr ähnlich – ich bin eben auch ein Mensch, der Verbindung über Text, Audio und Video herstellt. Über Blogs, Social Media, Messenger, Video-Konferenzen und so weiter. Für mich bedeuten Texte Interaktion, letztlich geht es da um Gespräche, um Austausch. Dadurch schaffen wir Verbindungen, ja sogar Nähe, die auch mal so tief berühren kann wie ein Gespräch face-to-face.

Und dass das geht, ist nicht nur hilfreich, sondern es eröffnet Möglichkeiten. Anfangs ging es mir vielleicht darum, mit meinen Liebsten (annähernd) synchron per Video oder textbasiert kommunizieren zu können, heute aber kann ich meine Themen der Welt zeigen und so Menschen ansprechen, die ich sonst nie getroffen hätte. Ich kann mich mit Menschen verbinden, Freundschaften aufbauen, in regelmäßigen Kontakt treten.

Digitale Räume ermöglichen es auch, Communitys aufzubauen, also auch wieder Menschen über Themen zusammenzubringen. Ich selbst habe ja eine kleine Community aufgebaut, um mich über das Schreiben oder eben die Möglichkeiten der Vernetzung auszutauschen. Da geht es um Impulse, um gemeinsame Interessen, um Austausch. Letztlich lernen wir alle voneinander in einem Rahmen, der sicher ist und so das Ausprobieren fördert.

Du bist ja auch sehr viel in diesen Bereichen Lernen, Austausch und Gespräch engagiert – viel mehr noch als ich. Da kann der Zugang zur digitalen Welt auch mehr Teilhabe an der analogen Welt bedeuten. Das Internet ist ja im Grunde wie ein großes schwarzes Brett, an dem ich anpinnen kann, was ich suche und brauche und dann können sich passende Lernpartner finden. Welche Erfahrungen hast du da gemacht oder machst sie noch?

Geschichten, die das Web schreibt

Annette Schwindt

Oh, da habe ich schon die tollsten Sachen erlebt und erlebe sie immer weiter. Damit könnte ich Bände füllen, Du doch bestimmt auch? 

Als ich noch Facebook-Erklärbär war und eine größere Community hatte, war ich erstaunt, wie stark die Bindung war, die die Leute rein digital zu mir aufgebaut haben. Das grenzte teilweise schon an Starverehrung. Als ich noch bei der Zeitung gearbeitet habe, war das analog übrigens ähnlich.

Eines der schönsten Beispiele ist sicher meine Geschichte mit Peter Müller oder die mit Kai.

Seit einigen Monaten erlebe ich auch mit Little World, wie schon wenig digitaler Kontakt im richtigen Kontext zu einer starken Verbindung führen kann. Und das nicht nur in meinem Fall. Die ganze Plattform beruht auf diesem Prinzip, indem sie Deutschlernende mit Muttersprachlern zusammenbringt, um gegenseitigen kulturellen Austausch zu ermöglichen und Vielfalt zu feiern.In Frankreich gibt es das unter shareami.org für ältere Menschen aus Frankreich, die mit jungen Menschen in der ganzen Welt verbunden werden, um Einsamkeit entgegenzuwirken.

Kennst Du auch solche Beispiele?

Begegnungen ermöglichen

Anna Koschinski

Das finde ich total interessant, weil das ja alles keine neuen Formate sind. Bloß “früher” musste man eben für ein Sprach-Tandem irgendwo ein schwarzes Brett finden und ich kenne es auch nur so, dass man sich face-to-face trifft, auf nen Kaffee oder ein Bier. Aber so, als digitales Format, ist es natürlich viel leichter zugänglich und vermutlich ist die Schwelle auch niedriger, sich auf einer Plattform anzumelden, als jemanden direkt anzuschreiben. Stark, dass du dich da engagierst!

Ich kenne eher diesen anderen Kontakt, den du vorher beschreibst. Als Coach oder Trainerin hatte ich meine Communities, in denen ich dann auch mein Lob, ganz viel Danke und Herzchen bekommen habe – also ja, dieser “Starkult” ist schnell mal da, wenn man andere unterstützt, hilfreiche Tipps gibt und so weiter.

Besonders interessant finde ich dann aber, wenn man den digitalen Kontakt ins Analoge verlagert. Ich habe Einladungen aus sehr vielen Städten im deutschsprachigen Raum. Das geht von: “Wenn du mal in der Stadt bist, gibts nen Kaffee und/oder ne Stadtführung” bis hin zu “Du kannst hier jederzeit unser Sofa oder unser Gästezimmer haben”.

Und das sind Menschen, bei denen ich gar keine Bedenken hätte, dass das einfach schöne Begegnungen wären, man “kennt” sich seit vielen Jahren, nur dass man sich eben noch nie getroffen hat.

Ein paar solcher Begegnungen hatte ich und die waren vom ersten Moment an so herzlich… Keine Spur von Distanz. Das ist schon eine Qualität, die ich sehr schätze. Das Digitale schafft die Möglichkeiten, Verbindungen aufzubauen und zu halten, die wir sonst nie gehabt hätten.

Würdest du sagen, dass es bei digitalem Kontakt mehr Distanz gibt? Oder kann es vielleicht auch andersrum sein, weil man sich anders öffnen kann, wenn man seinem Gegenüber nicht ins Gesicht schaut?

Online kann auch echt sein

Annette Schwindt

Ich glaube nicht, dass das am Digitalen liegt, sondern daran, wie jemand kommuniziert. Man kann auch analog mit manchen Menschen nicht weit kommen, weil sie zu distanziert sind. Vor Corona hätte ich auch noch gesagt, dass es was damit zu tun hat, ob jemand digitale Kommunikation überhaupt gewohnt ist. 

Geblieben ist sicher die Frage der Affinität für das Medium. Wenn ich Angst vor oder eine Abneigung gegenüber der Technik habe, wird so oder so nichts dabei rauskommen. Aber wenn man offen für das Medium und für andere Menschen ist und noch gemeinsame Themen hat, dann können da die wunderbarsten Beziehungen entstehen.

Nur ein einziges Mal ist es mir passiert, dass ich jemanden nach langem, super inspirierendem digitalen Kontakt und toller Zusammenarbeit endlich analog getroffen habe und es schon im Augenblick des ersten physischen Begegnens klar war, dass das analog nicht passt. Da waren wir beide verblüfft und enttäuscht… und digital wurde es danach auch nicht mehr wie vorher.

Sonst bekomme ich immer zu hören „Oh, Du bist ja offline genauso wie online!“ Da weiß ich nie, was ich antworten soll. Wie sollte ich denn sonst sein? 

Mich nervt dieses Entgegensetzen von Online versus „im richtigen Leben“ echt gewaltig. Das stammt ja aus der Zeit, in der nur die Nerds ohne Klarnamen und zum Teil noch in Fantasywelten online unterwegs waren. Das war tatsächlich nicht das „richtige Leben“. Aber heute ist das doch Unsinn! Unser ganzes Leben ist digitalisiert und es gibt nur dieses eine „richtige“ Leben. Warum halten die Menschen so an diesem längst verschwundenen Gegensatz fest?

Ohne Show kommunizieren

Anna Koschinski

Ich glaube, es geht dabei um den Mensch als Ganzes. Liest du Texte, chattest oder siehst du den anderen Menschen auf dem Bildschirm, dann ist da immer noch ein Medium zwischengeschaltet, du siehst nur einen Ausschnitt, kannst jederzeit die Kamera ausmachen, kannst dich mehr “verstecken”. Nicht umsonst gibt es ja diese Erzählungen über das Arbeiten im Homeoffice – da machst du dich nur obenrum schick, weil man eben nur diesen Teil sieht.

Und ich glaube, es liegt auch daran, dass Menschen es gewohnt sind, dass ihnen etwas vorgespielt wird. Dass wir nur den schicken Teil zeigen, nicht aber den Menschen. Facebook, Instagram, YouTube… aber auch LinkedIn haben da ihren Teil geleistet, denn Show wurde zu etwas, das wir verkaufen können. Glitzer, Reichtum, das Leben der Reichen und Schönen – wir wissen ja, dass es ein Fake ist und dass Realität anders aussieht.

Wie also unterscheiden? Woher sollen Menschen wissen, ob sie es mit einem Mensch zu tun haben, der “echt”, “authentisch” und (größtenteils) ohne Show kommuniziert?

Ich denke mir, die meisten von uns haben die Hoffnung, dass sie die Show im “echten” Leben, face-to-face, durchschauen. Aber online ist das eben nicht so einfach. Also vielleicht ist es eine Mischung aus romantischer Vorstellung vom “richtigen” Leben und der Angst vor Betrug und Falschheit und Show im digitalen Raum?

Ich mein, wir sind ja umgeben von Betrug, von Fakes, von anonymen Accounts, die eben auch irgendwer sein könnten. Dabei werden teilweise über Jahre hinweg ganze Leben ausgedacht, mit Haupt- und Nebencharakteren, vor einiger Zeit war zum Beispiel der Fall Jule Stinkesocke groß im Gespräch, weil eine ZDF-Doku darüber produziert wurde.

Manchmal werden Spenden gesammelt für irgendwelche Zwecke und mancher Mensch mag glauben, dass er oder sie damit etwas Gutes tut… Wie können wir denn sichergehen, dass wir nicht auf Betrüger reinfallen? Meinst du nicht, dass wir im digitalen Raum anfälliger dafür sind?

Vertrauen und Medienkompetenz

Annette Schwindt

Sichergehen kannst Du auch offline nicht. Da gibt es genauso Betrüger und Schwindler. Und auch da siehst Du nur einen Ausschnitt. Analog wie digital würde ich daher danach gehen, wie gut ich denjenigen kenne und ob da vertrauenswürdige Instanzen beteiligt sind. 

Nehmen wir als Beispiel. Hätte damals nicht Johannes Korten als Mitarbeiter der GLS-Bank die Spenden gesammelt und darüber in seinem Blog berichtet, hätte ich mich vermutlich nicht beteiligt. Dann wäre es zwei Jahre später auch nicht zu #einRadfuerKai gekommen und ich hätte einen guten Freund nie kennengelernt. 

Ein entscheidender Faktor dabei war, dass die Leute sowohl Kai oder mich oder andere Beteiligte bereits kannten. Und dass wir komplett offen waren. Gut, heute gibt es Deepfakes, da ist das mit Bildern so eine Sache. Aber bei uns damals zählte das noch. Heute würde ich daher wieder danach gehen, ob ich denjenigen kenne, oder eine vertrauenswürdige Instanz involviert ist. Aber wie gesagt: 100 Prozent Sicherheit gibt es nirgends.

Womit wir wieder bei meinem Lieblingsthema Medienkompetenz landen… Wie viele Menschen glauben, dass alles, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen kommt, wahr sein muss? Und wie viele wiederum denken, online sei grundsätzlich alles Fake? Wie man‘s macht, kann es schiefgehen. Deswegen meine Überzeugung, dass es nicht am Medium liegt, sondern an denen, die es benutzen und wie sie das tun.

Da gibt es auch große Unterschiede zwischen denen, die schon online unterwegs waren, als es noch kein Mainstream war, und denen, die erst seitdem dazugekommen sind. Während wir „Alten“ noch kommuniziert haben, weil wir was zu sagen hatten und den Austausch gesucht haben, geht es inzwischen fast nur noch um Marketing und Kommerz. 

Kürzlich habe ich das in einem Podcast „Omma erzählt vom Krieg“ genannt. So kommt man sich jedenfalls vor, wenn man den Jüngeren davon erzählt, wie wir mal dachten, dass wir durch Onlinekommunikation die Weltdemokratie und Gleichberechtigung für alle herbeiführen könnten. Herausgekommen ist in weiten Bereichen das genaue Gegenteil.

Was denkst Du, können wir dafür tun, das Netz wieder mehr in eine positive Richtung zu bringen? Weg von Fake und Hate und Kommerz hin zu Wissen teilen, Austausch auf Augenhöhe und Verbindung schaffen – so wie wir und ein paar andere es weiterhin getan haben und tun?

Mit Geschichten Vorbild sein

Anna Koschinski

Tatsächlich werde ich das ziemlich oft gefragt und meine Antwort ist immer die gleiche: Wir müssen es anders machen und auf den Vorbild-Effekt setzen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich sehr viele Menschen nach Verbindung und Austausch sehnen und gleichzeitig nicht wissen, wie sie das anstellen sollen.

Manche sind vielleicht sogar abgestoßen von dem lauten Gebrüll draußen, von der Show, von dem Gepose. Und dann glauben sie eben, “dieses Internet” sei nichts für sie, da passen sie nicht rein. Es fühlt sich dann ja auch einfach nicht gut an.

Daher müssen wir diese Leute irgendwie anders erreichen. Und meine Idee ist, dass das über Geschichten funktioniert. Wenn wir Stories und Anekdoten teilen und zeigen, dass es uns wirklich um Austausch geht, nicht nur ums Posen oder eben das bloße Senden, dann können Menschen sich vielleicht ein besseres Bild von uns machen und wenn sie Vertrauen haben, dann machen sie es möglicherweise nach.

Wichtig dabei ist nur, dass es sicher ist. Dass niemand glaubt, er müsse private Informationen teilen, um gemocht zu werden oder so, sondern dass sie merken: Meine Geschichte ist wertvoll, meine Erlebnisse und Meinungen sind relevant und inspirierend und wenn ich offen für Austausch bin, dann entsteht auch welcher.

Ich bin übrigens eine, die sich erst sehr spät online präsentiert hat, eigentlich erst, als ich “musste” – weil ich ja Kunden und Kundinnen für meine Textdienstleistung brauchte. Und da ist es nicht hilfreich, nur verwaiste Profile auf MySpace und StudiVZ zu haben. Also wenn man mir von der “guten alten Zeit” erzählt, dann kann ich nicht mitreden – denn ich kenne Facebook erst seit 2013 oder so und Twitter noch später, ab 2015.

Und ich habe trotzdem sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht damit, habe Kooperationspartner*innen gefunden, Austausch auf Augenhöhe und auch Freundschaften. Vielleicht ist es also wirklich nicht die Frage, was Social Media mit uns macht, sondern wie wir die verschiedenen Plattformen für uns nutzen. Ein Lichtblick ist für mich das Fediverse, das fühlt sich für mich sehr viel menschlicher an als Algorithmus-basierte Plattformen. Was glaubst du – könnte das ein Wegweiser sein zu einem Web, das echte Verbindung fördert?

Die richtigen Leute finden

Annette Schwindt

Definitiv – wenn man es richtig angeht. Das hätte man vorher auch schon können (wie man an Deinen und meinen Erfahrungen ja sehen kann). Nur schaffen jetzt Moderation, Dezentralität und eben das Fehlen von Algorithmen und Werbung bessere Voraussetzungen dafür. Leider gehen viele aber immer noch mit dem Marketingdenken von vorher da ran – obwohl genau das die alten Social Media kaputt gemacht hat und die Nutzer genau das jetzt nicht mehr wollen. Es ist wirklich bizarr zu sehen, wie einerseits nach Veränderung gerufen wird, aber gleichzeitig die Herangehensweise dieselbe bleibt. Aber das erleben wir ja auch auf so vielen anderen Ebenen…

Die Leute müssen endlich mal verstehen, dass es nicht auf größer, geiler, mehrnehrmehr ankommt, sondern darauf, die richtigen Leute zu erreichen, die dann auch wirklich in der Sache interagieren und nicht weil es im Redaktionsplan ihres Contentmarketings steht, oder weil Followfriday ist. 

Wer sich selbst kennt und ehrlich (!) authentisch mit anderen Menschen (nicht mit KPI) redet, der kann sich echt und v.a. auch langfristig mit anderen verbinden. Dann findet man seine Leute. Und dann entstehen daraus Dinge, die man niemals hätte planen können. Weil das dann auch das echte Leben ist, selbst wenn man digital kommuniziert.

Was uns wieder an den Anfang bringt. Gibt es noch etwas, das Du dazu mitteilen möchtest? Danke Dir nochmal für diesen Austausch und hiermit überlasse ich Dir das Schlusswort.

Echt, ehrlich, authentisch

Anna Koschinski

Das ist schon ein bisschen erstaunlich, dass wir am Ende bei Authentizität landen, diesem Wort, das für viele mittlerweile nicht mehr viel Inhalt hat, weil es im Marketing-Kontext verbrannt worden ist. Aber genau da sehe ich die Chancen von Verbindung.

Mir wird so oft zurückgemeldet, mein Content (also meine Kommunikation) seien echt, ehrlich, authentisch – das liegt einfach daran, dass sie es sind. Wenn wir Informationen teilen, kleine Geschichten und inspirierende Gedanken, dann können andere daran anknüpfen und dann entsteht Verbindung. Es braucht aber echtes Interesse an der Gegenseite und vor allem auch am Austausch selbst.

Regelhafte, schematische Kommentare auf Social Media mögen zwar strategische Reichweite bringen, aber langfristig verpufft das einfach und ist dementsprechend eher eine Verschwendung von Ressourcen.

Verbinden wir uns miteinander, ehrlich und offen, fragen wir einander, wenn wir etwas brauchen und geben wir, ohne sofort auf die Gegenleistung zu schielen. Menschlich und großzügig. Dann finden genau die Menschen zusammen, denen diese Werte und dieses Miteinander, ja, diese Verbindungen wichtig sind. Und zwar ganz egal, ob das nun offline oder online passiert.

Liebe Annette, ich drücke dich ganz fest – virtuell – und danke dir für deine immer bereichernde Perspektive. Auf gute, langfristige Verbindung!

Über meine Gesprächspartnerin

Anna Koschinski mit zusammengebundenen braunen Haaren im dunkelgrauen Blazer und weißem Shirt steht mit Smartphone in der Hand vor einem Tisch mit Blumenstrauß

Anna Koschinski ist Texterin, Bloggerin und Schreibcoach. Sie betreibt mehrere Blogs und Podcasts, in denen sie über gelingende Kommunikation und ein https://www.annetteschwindt.digital/sosollweb/respektvolles Miteinander nachdenkt und Perspektiven aufzeigt, wie eine Welt aussehen könnte, in der wir mehr miteinander reden als übereinander.

annakoschinski.de
anna-livia.de

Dieses Bloggespräch begann vor und endete mit meiner Aktion #SoSollWeb, die Anna und ich gemeinsam als gleichnamiges Projekt weiterführen wollen, um Menschen durch Gespräche im Web miteinander zu verbinden. Deshalb wird auch dieses Bloggespräch dort in die Reihe der Teilnehmerbeiträge mitaufgenommen.

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer auch mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.

Annette Schwindt

Von Annette Schwindt

Willkommen in meinem Room of Requirement. Hier bewahre ich alles aus meinen früheren Websites auf, das zum Löschen zu schade war, und füge Neues zu allen möglichen Themen hinzu. Ich hab ein Faible für Sprache(n), für Geschichten und Gespräche. Ich liebe Kunst, Musik und alles Kreative und vor allem macht es mir Freude, Menschen miteinander zu verbinden. Viel Spaß beim Stöbern!

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